Bildungsfahrt Hamburg --> Ebolowa

Auf kolonialen Spuren in Ebolowa und Bildung für eine nachhaltige Entwicklung

In der Historie von NetzWIRkung und EduNeC spielt die Auseinandersetzung mit kolonialen Spuren, der Umgang mit dem kolonialen Erbe und der aktuelle Diskurs um Identität und Zugehörigkeit eine zentrale Rolle und wurde insbesondere in den Austauschbegegnungen durch den Fokus auf die koloniale Spurensuche von Lehrkräften und Schüler*innen intensiv thematisiert.

Im Oktober 2024 fand bereits eine zweiwöchige Bildungsfahrt von Hamburg nach Ebolowa, Kamerun statt. An dieser nahmen sechs Lehrerinnen und zwei Projektleiterinnen aus Deutschland, sowie sechs kamerunische Lehrkräfte und zwei Projektleiter teil. Je eine kamerunischen und eine deutsche Lehrkraft arbeiteten in Tandems mit jeweils einer Schülergruppe an zwei weiterführenden Schulen in Ebolowa an selbst erarbeiteten Projekten zum Thema „Spuren deutscher Kolonialherrschaft in Ebolowa und ihre Auswirkungen in Vergangenheit und Gegenwart“. Am Ende wurden die Projektergebnisse bei einer festlichen, schulübergreifenden Veranstaltung präsentiert. Dabei entstanden sind unter anderem ein Song mit Tanzeinlage zum Kunstraub durch deutsche Kolonialisten in Kamerun und eine Debatte zu der Frage „Martin Paul Samba: Nationalheld oder Verräter?“.

Bildungsfahrt Ebolowa --> Hamburg

On Deconstruction: Dekolonialisierung als Aufgabe postkolonialer Gesellschaften

Im Rahmen dieser Bildungsfahrt soll vom 22.06.-05.07.2026 nun der Gegenbesuch in Hamburg stattfinden. Die bereits begonnen Arbeiten zum Themenschwerpunkt Auf kolonialen Spuren in Ebolowa, zu denen mit rund 130 Schüler*innen des Lycée bilingue und des Lycée Classique et Moderne Projekte entwickelt und präsentiert wurden, sollen weitergeführt und im Kontext Hamburger Kolonialgeschichte weitergedacht werden.
Für die Teilnehmer*innen bildet diese Begegnung die Chance, die in Ebolowa geführte intensive Auseinandersetzung mit kolonialen Spuren, dem Umgang mit dem kolonialen Erbe und dem aktuellen Diskurs um Identität nachhaltig sowohl auf der Ebene der Lehrkräfte selbst als auch in der Projektarbeit mit den Hamburger Schüler*innen fortzusetzen. Die durchgeführten Schulprojekte sollen im Sinne einer Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) für alle Beteiligten Impulse geben, interkulturelle Sichtweisen und neue Perspektiven eröffnen sowie kritische Reflexionen ermöglichen. Dabei bildet die Fahrt die Möglichkeit zur nachhaltigen Weiterentwicklung der Lehrkräfte, ebenso wie die Etablierung und Verankerung interkultureller Projekte in den Schulgemeinden. Begründet in der deutsch-kamerunischen Geschichte ist das Thema Kolonialismus Brücke und Schranke zugleich, da es eng mit Prozessen der Aus- und Eingrenzung sowie diskriminierungssensiblen Aspekten verbunden ist. Die konzeptionellen Bezüge der Aktionswochen in Hamburg orientieren sich daher auch an der Initiative „Hamburg dekolonalisieren“ , in der die Hansestadt Hamburg in den Jahren 2022-2024 einen öffentlichen Diskurs zum kolonialen Erbe eingeleitet hat, mit dem Ziel, die kolonialen Spuren der Stadt Hamburg, die in hohem Maße vom Kolonialismus profitierte, für die Gegenwart sichtbar zu machen: Eine Aufarbeitung in Form einer adäquaten Erinnerungskultur kann nur unter Einbezug aller Seiten erfolgen, weswegen die Begegnung von Lehrkräften beider Länder viel Potential birgt, sich auf diversen Ebenen mit Ein- und Ausgrenzung sowohl historisch als auch gesellschaftspolitisch auseinanderzusetzen und die eigene Sozialisierung und Identität im Hinblick auf machtpolitische, sprachliche und kulturelle Dimensionen zu hinterfragen.

Das Konzept selbst wird dabei von den Lehrkräften aus Kamerun und Deutschland gemeinschaftlich und kooperativ entwickelt, organisiert, durchgeführt und evaluiert. Es werden zusätzlich bereits bestehende Vernetzungen zu in Hamburg ansässigen kamerunischen NGOs akquiriert und diese Perspektiven ebenfalls einbezogen. Ehemalige Bildungsfahrtler*innen, Angehörige des Vereins, Lehrkräfte und Schüler*innen an den teilnehmenden Schulen sind ebenfalls eingeladen, den Aktionen beizuwohnen und diese im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu begleiten.

Zusammengefasst bildet das Konzept einen Rahmen, der aktuelle gesellschaftspolitische Diskurse aufgreift und eine Vertiefung der thematischen Schwerpunkte in Projektformaten ermöglicht. Die Inhalte der einzelnen Schulprojekte ergeben sich aus der gemeinsamen Abstimmung der jeweiligen kamerunisch-deutschen Lehrkräfte-Tandems sowie aus den entsprechenden Interessen der beteiligten Schüler*innen.

Zu den Zielen

Die Ziele des Projektes werden unsererseits wie folgt definiert:

  • Förderung der Völkerverständigung, des globalen Lernens und der gemeinsamen Verantwortung für die „Eine Welt“ durch den persönlichen Kontakt.
  • Schaffung eines Bewusstseins für Themen der Entwicklungszusammenarbeit, des Kulturaustauschs und der Bildung, hier insbesondere der Bildung für Nachhaltige Entwicklung.
  • Kritische Auseinandersetzung mit der Kolonialgeschichte – Rolle des Kolonialismus in der Entstehung von postkolonialen Staaten und Gesellschaften
  • Zusammenhang von Kolonialismus und Rassismus sowie den Auswirkungen auf die Gegenwart.
  • Identifizieren und Beurteilen des kolonialen Erbes.
  • Verständnis der Auswirkungen der Kolonialgeschichte auf aktuelle Konflikte, soziale Ungleichheiten und aktuelle Entwicklungsherausforderungen.
  • Diskussion von BNE und der Rolle von gesellschaftlichen Akteuren, insbesondere von Schule.
  • Planung, Durchführung, Präsentation, Dokumentation und Evaluation der Schulprojekte.
  • Nachhaltige Verankerung des Themenkomplexes in Schule und Unterricht.

Abschlussveranstaltung

Wie sprechen wir über Rassismus - und wie lernen wir darüber zu sprechen?

Diesen Fragen widmet sich die Abschlussveranstaltung des Projekts „On Deconstruction – Dekolonialisierung als Aufgabe postkolonialer Gesellschaften“ am 3. September 2026, 18:00-21:00 Uhr im Curiohaus (Raum A) der GEW Hamburg.

Das Projekt verbindet seit seiner Entstehung Bildungsarbeit und internationale Begegnung. Gemeinsam mit Lehrkräften und Schüler*innen aus Kamerun und Deutschland wurden verschiedene Schulprojekte entwickelt und durchgeführt, die sich mit kolonialen Spuren, Identität, Zugehörigkeit und interkulturellen Perspektiven beschäftigen. Dabei geht es nicht allein darum, Wissen über Kolonialismus und Rassismus zu vermitteln. Vielmehr sollen die eigenen Perspektiven hinterfragt, unterschiedliche Erfahrungen sichtbar gemacht und Möglichkeiten für eine diskriminierungssensible Bildungsarbeit entwickelt werden.

Die Abschlussveranstaltung führt diese verschiedenen Perspektiven zusammen. Diana Dua wird aus ihrem Buch „Zeilen gegen das Unbehagen“ lesen und anschließend mit den Besucherinnen und weiteren Gesprächspartnerinnen darüber sprechen, wie wir über Rassismus und koloniale Geschichte sprechen können – und wie wir lernen können, solche Gespräche auch über unterschiedliche Alters- und Erfahrungshorizonte hinweg zu führen. Im Anschluss wird es beim „Marktplatz der Projekte“ die Möglichkeit geben, die Ergebnisse der gemeinsamen Schulprojekte kennenzulernen. Die beteiligten Lehrkräfte und Schüler*innen zeigen unter anderem entstandene Materialien, Fotos und weitere Ergebnisse und stehen für Gespräche zur Verfügung. So werden die Erfahrungen der Bildungsfahrt nicht nur präsentiert, sondern können gemeinsam weitergedacht und diskutiert werden.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Vorstellung eines kolonialen Stadtrundgangs durch Hamburg, der im Rahmen des Projekts entstanden ist. Hamburg war in besonderem Maße in koloniale Handels- und Wirtschaftsstrukturen eingebunden. Der Rundgang macht einige dieser Spuren sichtbar und eröffnet die Möglichkeit, sich mit der kolonialen Geschichte der Stadt und ihren Verbindungen zur Gegenwart auseinanderzusetzen. Zum Abschluss kommen unsere kamerunischen Bildungsfahrtler*innen selbst zu Wort. In einem offenen Gespräch berichten sie von ihren Erfahrungen in Hamburg, von Begegnungen und gemeinsamen Lernprozessen und davon, was sie aus der Zeit mitnehmen. Damit wird auch die Perspektive sichtbar, die für das gesamte Projekt zentral ist: Eine Auseinandersetzung mit kolonialer Geschichte und Rassismus kann nicht aus nur einer Perspektive erfolgen.

Die Veranstaltung möchte dabei keine fertigen Antworten liefern. Sie soll vielmehr einen Raum schaffen, in dem Fragen gestellt, Erfahrungen geteilt und unterschiedliche Perspektiven miteinander in Verbindung gebracht werden können. Denn antirassistische Arbeit beginnt nicht erst mit dem richtigen Wissen, sondern auch mit der Bereitschaft, zuzuhören, die eigene Perspektive zu hinterfragen und miteinander im Gespräch zu bleiben.

Wir laden alle Interessierten herzlich ein, diesen Abend mit uns zu gestalten, die Projektergebnisse kennenzulernen und miteinander ins Gespräch zu kommen.