Hitze, Heimat, Hybris
Ich sitze in meiner Küche, das Rollo halb heruntergelassen und genieße mein Frühstück mit einem Schuss Hamburg Journal (eine lokale Nachrichtensendung zu Hamburg und der direkten Umgebung), welches mir dazu rät, genug zu trinken, die Sonne zu meiden oder am besten gleich in geschlossenen, klimatisierten Räumlichkeiten zu bleiben, während ich meine Angehörigen (und Ärzte) regelmäßig über meinen Gesundheitszustand informiere. Nicht zu vergessen, die Balkonpflanzen, die diese Hitze nun wirklich nicht ertragen sollten.
Vielleicht liegt es daran, dass wir in Deutschland tatsächlich eher selten schwitzen müssen. Insbesondere in Städten wie Hamburg, wo wir auch im Sommer in öffentlichen Gebäuden, im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV, Bussen und Bahnen in Hamburg), den unzähligen privaten Autos und immer mehr auch in unserem Zuhause von Klimaanlagen umgeben sind. Als würden wir den Klimawandel nicht nur vollends ignorieren, sondern stetig bemüht sein, aktiv gegen das Wetter ankämpfen zu wollen. Naja, außer im Urlaub. Sich bei über 30° auf Ibiza die Bräunungsmilch auf dem Bauch brutzeln lassen oder in Ägypten auf Kamelen durch die Wüste reiten scheint mir ebenso Volkssport zu sein, wie sich über schlechte Wetterverhältnisse zu echauffieren. Wir wollen 25° mit Sonne, aber bitte nur sonntags zwischen 11 und 16 Uhr, wenn der Grill läuft. Alles darüber ist Ausnahmezustand und unmenschlich, während alles darunter wieder ein vergeudetes Jahr ohne Sommer ist, weswegen man sich nun aber wirklich mal vornimmt, für ein halbes Jahr in Portugal zu arbeiten, wenn der Antrag auf Telearbeitszeit vom Chef endlich genehmigt wird.
Das Vibrieren meines Handys zieht mich aus den Gedanken. Eine Benachrichtigung der Warnapp NINA, die mich auf die heißen Temperaturen aufmerksam macht. Was solls, denke ich mir, lege meine Cornflakes-Schüssel zur Seite und nehme einen kräftigen Schluck Wasser. Ich fahre heute wohl nicht mehr ins Büro. Stattdessen gehe ich ins Wohnzimmer, nehme meine Sanseviera (eine nicht-heimische Wüstenpflanze, auch „Snakeplant“ genannt) von der Fensterbank und stelle sie auf den Balkon. Wenigstens eine, die sich heute heimisch fühlen darf.