Hitze, Heimat, Hybris

Heute – am 2. Juli 2025 – sind es 36,2° Grad in Hamburg. Ob das Komma hier nötig war, kann man ruhig in Frage stellen, schließlich kann die menschliche Haut Temperaturunterschiede erst ab etwa 0,5° wahrnehmen, also wäre es wohl fein gewesen, auf 36° abzurunden. Aber ich bin nun mal kein Wetterfrosch, insofern vertraue ich den Informationsquellen blind.
Und laut App sind es wohl 36,2°. Laut DWD, dem Deutschen Wetterdienst, handelt es sich um eine extreme Wetterbelastung und gibt eine Hitzewarnung heraus. Laut anderen Medien bedeutet das, Deutschland befindet sich im Ausnahmezustand und wenn man der Bild Glauben schenkt, stehen wir vor den Toren des neunten Höllenkreises. Laut meiner Nachbarin, Frau Müller [Name geändert], handelt es sich jedoch schlicht um eine Unmenschlichkeit, die es zu ihrer Zeit wohl nicht gegeben hat. Ein kleiner Seitenhieb in meine Richtung, dass die Generation der 90er wohl irgendwas verbockt haben muss.

Ich sitze in meiner Küche, das Rollo halb heruntergelassen und genieße mein Frühstück mit einem Schuss Hamburg Journal (eine lokale Nachrichtensendung zu Hamburg und der direkten Umgebung), welches mir dazu rät, genug zu trinken, die Sonne zu meiden oder am besten gleich in geschlossenen, klimatisierten Räumlichkeiten zu bleiben, während ich meine Angehörigen (und Ärzte) regelmäßig über meinen Gesundheitszustand informiere. Nicht zu vergessen, die Balkonpflanzen, die diese Hitze nun wirklich nicht ertragen sollten.

Ich nicke zustimmend, ein Reflex, nicht mehr. Ob ich heute noch auf die Arbeit fahre? Es ist schon nach 8 und volle, vielleicht nicht klimatisierte Busse, wer mag das schon.
„Bevor Sie Unternehmungen planen oder vorhaben, das Haus zu verlassen, schauen Sie sich die Broschüre zum Thema Hitze des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe an“ heißt es weiter. Wir wären eben nicht Deutschland, wenn wir nicht auch dazu eine Broschüre hätten. Gesagt getan. Ein wenig quatschig kommt mir das schon vor. Nicht, weil die Broschüre unsinnig ist; im Gegenteil, schließlich kann man nicht erwarten, dass alle Menschen wissen, dass alkoholische Getränke nicht die besten Durstlöscher sind, Tiere oder Kinder nicht allein im Auto gelassen werden sollten und Sport bei 30° in der Mittagshitze auch nicht zu den besten Ideen gehört.
Es ist vielmehr die Scham darüber, dass ein Land eine Regierungskonferenz einberufen muss, während es an einem einzigen Tag in Jahr zu einer nationalen Prüfung wird, ob wir noch atmen können, wenn die Sonne scheint.

Vielleicht liegt es daran, dass wir in Deutschland tatsächlich eher selten schwitzen müssen. Insbesondere in Städten wie Hamburg, wo wir auch im Sommer in öffentlichen Gebäuden, im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV, Bussen und Bahnen in Hamburg), den unzähligen privaten Autos und immer mehr auch in unserem Zuhause von Klimaanlagen umgeben sind. Als würden wir den Klimawandel nicht nur vollends ignorieren, sondern stetig bemüht sein, aktiv gegen das Wetter ankämpfen zu wollen. Naja, außer im Urlaub. Sich bei über 30° auf Ibiza die Bräunungsmilch auf dem Bauch brutzeln lassen oder in Ägypten auf Kamelen durch die Wüste reiten scheint mir ebenso Volkssport zu sein, wie sich über schlechte Wetterverhältnisse zu echauffieren. Wir wollen 25° mit Sonne, aber bitte nur sonntags zwischen 11 und 16 Uhr, wenn der Grill läuft. Alles darüber ist Ausnahmezustand und unmenschlich, während alles darunter wieder ein vergeudetes Jahr ohne Sommer ist, weswegen man sich nun aber wirklich mal vornimmt, für ein halbes Jahr in Portugal zu arbeiten, wenn der Antrag auf Telearbeitszeit vom Chef endlich genehmigt wird.

Ich frage mich, wie die Trockenzeiten in Kamerun oder auch anderen Ländern erlebt werden. Ob jemand im November in Douala sitzt und sich nach England wünscht, weil es da so viel regnet. Oder ob die Hitzeperioden in den Regenzeiten mit Luftfeuchtigkeit jenseits der Dampfsaunen in europäischen Spas den Blick nach Deutschland wenden lassen, um sich die belanglosen Monate zwischen März und Oktober zu wünschen, die mit gemäßigt wohl nicht als eigenständige Wetterkategorie bezeichnet werden können?
Ich kann es mir beim besten Willen nicht vorstellen. Nicht, weil ich nicht annehmen würde, dass andere Wetterverhältnisse nicht auch als gut oder schlecht bewertet würden und man sich manchmal eben einfach das andere wünscht, sondern weil ich mir nicht vorstellen kann, dass man so lange in einer Region mit – wie wir es bezeichnen würden – extremen Wetterverhältnissen lebt und immer noch versucht, vehement dagegen anzugehen.

Das Vibrieren meines Handys zieht mich aus den Gedanken. Eine Benachrichtigung der Warnapp NINA, die mich auf die heißen Temperaturen aufmerksam macht. Was solls, denke ich mir, lege meine Cornflakes-Schüssel zur Seite und nehme einen kräftigen Schluck Wasser. Ich fahre heute wohl nicht mehr ins Büro. Stattdessen gehe ich ins Wohnzimmer, nehme meine Sanseviera (eine nicht-heimische Wüstenpflanze, auch „Snakeplant“ genannt) von der Fensterbank und stelle sie auf den Balkon. Wenigstens eine, die sich heute heimisch fühlen darf.

Alexander

Newsletter - November 2025