Guter Deutschunterricht: Ein Beispiel aus dem Lycée Bilingue de Bafoussam

Ich nahm in den Hamburger Märzferien an der Bildungsfahrt nach Kamerun teil, die von dem Verein Netzwirkung e.V. in Zusammenarbeit mit der Kameruner Bildungsorganisation EduNeC stattfand. Seit der Bildungsfahrt erscheint mir unsere Profession unter einem anderen zu stehen und ich wage sogar zu sagen, (wieder)verstanden zu haben, was die Quintessenz unseres Berufes ist. Denn die bestehenden beruflichen Rahmenbedingungen, die wir oftmals hart kritisieren, verwöhn(t)en uns sehr. Aus diesem Grund möchte ich zunächst für mich feststellen, dass die die Reise nach Kamerun meinen Blick auf die (Bildungs-)Welt verändert hat.

In dem vorliegenden Beitrag möchte ich auf meine Beobachtungen und Erkenntnisse auf die Bildung und den Lehrerberuf nach der Reise zurückblicken. Deshalb geht es hier weniger um einen objektiven Bericht über die Bildung in Kamerun, sondern vielmehr um eine subjektive Wahrnehmung des Gesehenen von einer Lehrerin, die seit 15 Jahren im Hamburger Schuldienst ist und Unterrichtserfahrung aus dem Ausland mitbringt.

Bei der Gelegenheit möchte ich mich bei allen Kolleg*innen aus Kamerun bedanken für die liebevolle und fürsorgliche Begleitung und Betreuung rund um die Uhr und die tollen Erlebnisse und Freundschaften während der Reise. Glücklicherweise lernte ich durch meinen Gastaufenthalt eine der stärksten Kolleginnen des Landes, Thérèse Aboon, die Leiterin des Deutsch-Departements im Kameruner Bildungsministerium, kennen und glaube, einige Eindrücke aus erster Hand erhalten zu haben. Dafür bin ich besonders dankbar.

Eindrücke aus einer Kamerunischen Schule, dem „Lycée Bilingue de Bafoussam“

Wir besuchten das Lycée während unseres Aufenthaltes in der mittelgroßen Stadt Bafoussam. Das Eingangstor und die Torwache überraschten mich weniger, da ich diese aus anderen Ländern schon kannte. Doch der Schulhof, mit in den Hof geöffneten Klassentüren, und die afrikanischen Bäume und Sträucher darin faszinierten mich schon. Schüler*innen liefen mit Uniformen herum und begrüßten uns fröhlich und versuchten ihr Deutsch auszuprobieren; wenn es nicht half, wurden wir in Englisch oder Französisch angesprochen. Jedenfalls wurden wir liebevoll aufgenommen. Nach einigen Ansprachen durch Kolleg*innen durften wir in den Klassen hospitieren. Hermann nahm uns mit in seine 10. Klasse, in der er gleich eine Doppelstunde Deutsch unterrichten wollte. Hinter uns her lief eine Traube an neugierigen Schüler*innen.

Durch eine offene Blechtür gingen wir in die Klasse und fanden sofort jede*r einen Platz. Angepasst an das tropische Klima gab es zahlreiche Fenster an beiden Seitenwänden, um die Durchlüftung zu gewähren. Etwas roter Saharastaub war zu vermerken. Die Klassenräume waren für unsere Verhältnisse dürftig mit Mobiliar aus den europäischen 60ern (sic!) eingerichtet. Die Wand hinter dem Lehrertisch war schwarz bemalt und Kreide stand bereit.

In der Klasse befanden sich über 50 Schüler*innen von den 70 Schüler*innen der Klasse 10. Sie saßen teilweise Schulter an Schulter zu zweit oder zu dritt auf den Schulbänken.

Der Deutschunterricht

Nach einer Begrüßung und der Anwesenheitskontrolle durch die Klassenvertreterin begann Hermann zu unterrichten. Er setzte den Rahmen der Doppelstunde mit einem Tafelschrieb. Dieses Tafelbild wurde im Laufe des Unterrichts mit den Ergebnissen und wichtigen Vokabeln von ihm und den mitarbeitenden Schüler*innen weiterentwickelt.

Lernmotivation der Schüler*innen

Besonders beeindruckend war, dass die Schüler*innen einen guten Umgang mit den Umständen innerhalb des Klassenraumes fanden. Die Lerngruppe saß nach meinem Eindruck je nach der Unterrichtsmotivation nah oder fern der Tafel hin. Die ersten Reihen waren lernbereit und motiviert, meldeten sich, die mittleren Reihen war eher zurückhaltend, verfolgten aber den Unterricht, während die hinteren Reihen sich eher miteinander oder den Mitschüler*innen hinter den Fenstern beschäftigt haben. Hermann unterrichtete sehr fokussiert und beachtete weniger die Störungen, wie beispielsweise das Verteilen der Sandwiches durch die zuständigen Kolleg*innen während des Unterrichts oder das Herein- und Herausgehen einzelner Schüler*innen. Die Stunde ist gefühlt schnell vergangen.

Guter Unterricht durch motivierte Lehrer*innen

Herrmann zeigte uns einen guten Deutschunterricht: Er machte die Lernziele transparent, entwickelte den Unterricht sichtbar, stellte die nötigen sprachlichen Elemente bereit, hatte deutliche Rituale und Abläufe, lobte gute Beiträge der Schüler*innen, gab den Schüler*innen die Möglichkeit, sich in deutscher Sprache zu äußern und auszuprobieren, begegnete den Unterrichtsstörungen ökonomisch und nutzte die Lernzeit effektiv. Die Schüler*innen konnten bei ihm lernen, sie waren aktiv, haben den Tafelschrieb laufend ins Heft geschrieben, haben nach Wörtern in ihren veralteten Wörterbüchern gesucht. Er hat ein richtiges Lernangebot gemacht, das von vielen Schüler*innen aktiv genutzt wurde. Ich als Lehrerin aus Hamburg fand die Zeit unter Kamerunischen Pubertierenden faszinierend und genoss einen guten Deutschunterricht unter den Bedingungen, unter denen wir möglicherweise nicht in der Lage wären, zu arbeiten. Meines Erachtens zählte hier der pädagogische Idealismus viel mehr als die guten Rahmenbedingungen. Chapeau!

Ich möchte gerne abschließend von unserem betreuenden Kollegen Kisito zitieren. Er scherzte mal ungefähr so: „Ich habe gelesen, dass es eine sogenannte ‚Großgruppenpädagogik‘ gibt. In Kamerun brauchen wir ‚Mega-Gruppenpädagogik‘, denn es gibt Schulklassen mit über 100 Schüler*innen.“ Deshalb habe ich großen Respekt vor den Kolleg*innen, die in Kamerun und woanders auf der Erde unter für uns unglaublichen Rahmenbedingungen arbeiten, um den nächsten Generationen ihres Landes Türen in die Zukunft zu öffnen.

Tausend Dank!

Ezel

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